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Auf dickem Eis
Extravagante Gehhilfen für Bordsteingletscher | Seite 28
Billig fährt gut
Bei welchen Toyota-Modellen noch nichts klemmt | Seite 8
Alt statt reich
Warum die Chinesen wieder mehr Kinder bekommen sollen | Seite 13
KO L U M N E : F I N A N Z A U F S E H E R N S O L LT E N D I E S P E K U L AT I
O N E N M I T K R E D I T D E R I VAT E N A U F K R I S E N L Ä N D E R S O R G
E N B E R E I T E N , S C H R E I B T T O B I A S B AY E R
Liberale spielen Opposition
Partei setzt sich vor NRW-Wahl von Union ab
VON NIKOLAI FICHTNER UND TIMO PACHE, BERLIN
Plattner will SAP beglücken
Gründer des Softwarekonzerns kämpft gegen Vertrauensverlust · Mehr Macht für
den Aufsichtsratschef
Entschädigung für Steuersünder
in Gericht in Liechtenstein hat eine frühere Tochtergesellschaft der Liechtensteiner
Vermögensverwaltungsbank LGT zu einer Schadensersatzzahlung an einen deutschen Steuersünder
in Millionenhöhe verurteilt. Das Fürstliche Landgericht in Vaduz befand die ehemalige
LGT Treuhand AG für schuldig, den Kläger zu spät über den Diebstahl seiner Kundendaten
informiert zu haben. Dem Bad Homburger Geschäftsmann wurden 7,3 Mio. € zugesprochen.
Der Name des Klägers befand sich auf der gleichen CD wie der von BERICHTE Seite
15 Post-Chef Klaus Zumwinkel.
ie FDP zieht gegen die Union in den Wahlkampf. Die Liberalen kündigten gestern an,
noch vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen in drei Monaten eigene Reformkonzepte
zur Steuer- und Gesundheitspolitik vorzulegen. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU)
müsse zudem schnell für Klarheit bei der künftigen Energiepolitik sorgen. „Es
gibt kein Tempolimit“, sagte FDP-Generalsekretär Christian Lindner Richtung Union.
Die CDU verzichtete auf Gegenangriffe, machte aber auch keinerlei Zugeständnisse.
Damit bricht die FDP das erst vor drei Wochen geschlossene Stillhalteabkommen, auf
das sich die Parteispitzen bis Mai geeinigt hatten. Besonders die Wahlkämpfer in
Nordrhein-Westfalen hatten parteiintern auf einen Abgrenzungskurs gedrungen. Die
Bundesregierung muss es nun aushalten, dass die sie tragenden Parteien drei Monate
lang Wahlkampf gegeneinander betreiben werden.
R E DA K T I O N S S C H LU S S D I E S E R AU S GA B E 2 1 : 3 0 U H R
Dax
Dow Jones
¤ in $
Euro Stoxx 50
Nasdaq
Nikkei
10J Bund
10J US-T
Brent Oil*
*$/Barrel
Schlusskurse oder Stand: 21 Uhr MESZ; Veränderungen zum Vortag
LEITARTI KEL: SAP
Lass Blumen sprechen: SAP hat es sich gleich zweifach verscherzt – mit den Kunden
und seinen Mitarbeitern
Drei sind zwei zu viel
ine Doppelspitze muss nicht unbedingt zu Konflikten führen. Doch die Gefahr ist
groß. Vor allem dann, wenn es sich – wie künftig im Fall SAP – um eine verkappte
Dreierspitze handelt. Über dem neuen Führungsduo aus dem Amerikaner Bill McDermott
und dem Dänen Jim Hagemann Snabe wird allgegenwärtig der SAP-Gründer und jetzige
Aufsichtsratschef Hasso Plattner thronen. Und der, daran hat er während dieses überstürzten
Führungswechsels keinen Zweifel gelassen, wird sich jetzt noch stärker ins Tagesgeschäft
einmischen als zuvor. Auf den ersten Blick ist es für Investoren und Kunden zwar
beruhigend, dass Plattner über das Unternehmen wacht. Denn die beiden neuen Chefs
wurden durch den abrupten Rauswurf des bisherigen Chefs Léo Apotheker eher zufällig
an die Spitze gespült. Bis vor zwei Tagen galten sie als fähige Manager, die sich
aber erst noch bewähren müssen, bevor sie Spitzenposten übernehmen. Gerade diese
Konstellation aber macht die neue Aufstellung bei SAP so unberechenbar. McDermott
und Snabe müssen sich nun erst einmal als Führungsduo zusammenraufen. Das allein
ist schon konfliktträchtig. Gleichzeitig müssen sie die gravierenden Probleme lösen,
die Apotheker ihnen hinterlassen hat: die Kunden besänftigen, die sich gegen höhere
Wartungsgebühren wehren, und die Mietsoftware für den Mittelstand auf den Markt
bringen, die seit Jahren versprochen ist. Das wäre schon in einem eingespielten
Team schwierig genug. Doch mit einem Übervater Plattner im Hintergrund, dessen Vorliebe
für Alleingänge legendär ist, droht es unmöglich zu werden. Nach Maßstäben
guter Unternehmensführung ist Plattners neue Rolle als Berater der Führungsspitze
höchst problematisch: Sie beißt sich mit seiner Hauptfunktion als Aufsichtsratschef,
der den Vorstand kontrollieren soll. Technologie und Produktentwicklung sind Kerngebiete
des operativen Geschäfts. Hier hat sich ein Aufsichtsrat herauszuhalten, er beschneidet
sonst de facto die unabhängige Entscheidungsfindung des Vorstands, der weisungsungebunden
agieren sollte. Plattner muss sich schnell darüber Gedanken machen, wie er die SAP-Führung
so aufstellt, dass sie unabhängig von ihm und dem Mythos der Gründerväter an der
Zukunft des Konzerns arbeiten kann. Er muss also genau das tun, was ihm offenbar
am schwersten fällt: seinen eigenen Rückzug vorbereiten.
WEITERE LEITARTI KEL U N D KOMMENTARE | Seite 24, 25
NAMEN- UND FIRMEN-INDEX SEITE 2
VON THOMAS WENDEL, BERLIN, UND SVEN CLAUSEN, HAMBURG
FDP im Umfragedilemma
Die FDP steckt angesichts sinkender Umfragewerte in einem Dilemma: Bleibt sie bei
ihren Wahlversprechen, läuft sie Gefahr, realitätsfremd zu erscheinen. Rückt sie
von ihnen ab, droht ihr das Image der Umfallerpartei. In der Union hofft man, die
FDP werde sich „nicht so weit aus dem Fenster lehnen, dass sie am Ende nur noch
runterfallen kann“. Anders als die Union will die FDP mit ihrem Steuerkonzept nicht
mehr bis zur Steuerschätzung warten. „Wir machen uns nicht von der Steuerschätzung
im Mai abhängig, sie ist überbewertet“, sagte FDP-Generalsekretär Lindner nach
mehreren Sitzungen der Parteispitze in Berlin. So könnten die Grundzüge der 19
Mrd. € schweren Entlastung schon heute festgelegt werden. Nur ihr Zeitpunkt müsse
aus FDPSicht noch offen bleiben. Koalitionsinternen Streit nehme man dabei durchaus
in Kauf. Die CDU wich dem Konflikt gestern aus. „Wir werden das mit Wohlwollen
prüfen“, sagte Generalsekretär Hermann Gröhe. Man bleibe allerdings bei dem
Plan, die Steuerschätzung abzuwarten. „Die Frage ist, ob wir uns einen Gefallen
tun, wenn jetzt gleichsam verschiedene Gesetzesentwürfe im Detail vorlegt werden“,
sagte der CDU-Politiker.
ach dem Radikalumbau an der Konzernspitze versucht sich SAP-Mitgründer Hasso Plattner
in gestärkter Position mit einer Charmeoffensive. Der Aufsichtsratschef des größten
Softwarekonzerns Europas kündigte gestern an, nach herber Kritik der Kunden um neues
Vertrauen zu werben. Zudem will Plattner den Motivationsverlust unter den gut 47
000 Mitarbeitern seines Unternehmens bekämpfen. „Ich werde alles dafür tun, dass
SAP wieder eine glückliche Firma wird“, sagte Plattner. „Wir sind ein Unternehmen,
das Gewinn machen muss. Das werden wir aber nur tun, wenn wir auch ein glückliches
Unternehmen sind und auch unsere Kunden glücklich sind.“ Überraschend hatte der
Konzern zuvor SAP-Chef Léo Apotheker geschasst – und gleichzeitig eine Doppelspitze
installiert. CoChefs sind künftig die bisherigen Vorstände für Vertrieb und Entwicklung,
der 48-jährige Amerikaner Bill McDermott und der Däne Jim Hagemann Snabe, 45. Die
SAP-Aktie rutschte als Reaktion um knapp 2,5 Prozent ab.
„Ich werde alles dafür tun, dass SAP wieder eine glückliche Firma wird“
Chefaufseher Hasso Plattner
Ein Grund für Apothekers Ablösung waren offensichtlich immer heftigere Beschwerden
der Mitarbeiter über ein schlechtes Arbeitsklima. Der 56-jährige Apotheker hatte
SAP knapp ein Jahr als alleiniger Chef geführt. Der Anbieter von Unternehmenssoftware
ist deutlich stärker als Konzerne in anderen Branchen auf hoch motivierte Mitarbeiter
angewiesen. Qualifizierte Softwareentwickler sind äußerst schwer zu bekommen, zudem
gilt
die Mobilität unter diesen Fachkräften als besonders hoch. Wegen der Wirtschaftskrise
hatte SAP 2009 rund 4000 Stellen gestrichen. Apotheker legte mit Rückendeckung des
Aufsichtsrats ein Sparprogramm auf – was zu viel Unruhe in der Belegschaft führte.
Zuletzt offenbarte eine interne Befragung, dass die Motivation vieler Mitarbeiter
stark gelitten hat. Mit Apothekers Abberufung zieht Chefaufseher Plattner wieder
mehr Macht an sich. „Er war bislang schon ein außerordentlich aktiver Aufsichtsratschef
und wird jetzt noch mal wichtiger“, sagte ein Mitglied des Kontrollgremiums der
FTD. „Das wollen und unterstützen wir im Aufsichtsrat auch.“ Der 66-jährige
SAP-Mitgründer sei bislang schon die treibende Kraft hinter technologischen Weiterentwicklungen
gewesen, hieß es. Jetzt werde er sich auch bei anderen Themen zumindest zeitweise
stärker einmischen. Dem Konzern war vorgeworfen worden, nicht mehr genug auf die
Wünsche der Kunden einzugehen. Mitten in der Wirtschaftskrise versuchte SAP, die
Kosten für Wartungsverträge heraufzusetzen. Heftige Kundenproteste zwangen den
Konzern, die Preiserhöhung
weitgehend wieder zurückzunehmen. Die Einführung einer Mietsoftware für den Mittelstand
verschob SAP seit 2007 immer wieder. Experten raten dem Konzern eine Rückbesinnung
auf alte Stärken. „SAP sollte sich wieder auf das konzentrieren, was das Unternehmen
groß gemacht hat: technologische Kompetenz und weniger amerikanische Vertriebsorientierung“,
sagte Nils Niehörster vom Marktforscher Raad Research. Der Umbau an der Führungsspitze
ist indes noch nicht abgeschlossen. Derzeit sucht SAP noch nach einem Nachfolger
für Arbeitsdirektor Erwin Gunst, der aus gesundheitlichen Gründen ausscheidet.
Intern wird für diesen Posten Stefan Ries aus dem SAPPersonalbereich gehandelt.
Neu in den Vorstand berufen ist Chief Technology Officer Vishal Sikka.
WEITERE B E R I C HTE
Die Fetzen fliegen Neue Doppelspitze Plattners Macht Alte Probleme Agenda
WWW.FTD.DE/SAP
Seite Seite Seite Seite Seite
Sturmtrupp auf Kundenfang
Nahkampf, Schießtraining und Gefangene in Unterhosen: Ein tschechischer Stromriese
treibt Gebühren mit einer rabiaten Sondereinheit ein
FTD-Illustration/Malte Knaack; Toyota; Image Source/vario images; FTD-Grafik/Lisa
Bucher
Angst vor Schwarz-Grün
Auch in der Energiepolitik verlässt die FDP die Koalitionslinie. Ursprünglich sollte
erst ab Juni über längere Atomlaufzeiten entschieden werden. Nun fordert die FDP
Klarheit. Umweltminister Röttgen solle noch vor der NRW-Wahl ein Energiekonzept
vorlegen, sagte Lindner. Röttgen hatte zuletzt angedeutet, die Laufzeiten nur geringfügig
verlängern zu wollen. Die Liberalen unterstellen ihm daher, seine Partei für die
Grünen öffnen zu wollen. „Herr Röttgen muss aus seinen schwarz-grünen Blütenträumen
aufwachen“, sagte Lindner. Eine Verlängerung der Laufzeiten um lediglich acht
Jahre komme für die FDP nicht infrage.
FLUCHT NACH VORN Seite 10 SCHWARZER L AGERK A MPF Seite 11
SIMON SCHÄFER
it undichten Stellen kennt sich CEZ aus. Dem tschechischen Energiekonzern gehört
der Reaktor Temelin nahe der österreichischen Grenze. Da leckt es häufiger mal
– Öl läuft aus, manchmal auch radioaktiv verseuchtes Wasser. Mehr als 90 Störfälle
wollen Umweltschützer gezählt haben, seit Temelin im Jahr 2000 ans Netz ging. Jetzt
ist wieder brisantes Material nach draußen gelangt – nichts Radioaktives diesmal,
sondern Videoaufnahmen. Sie wurden vergangene Woche tschechischen Medien zugespielt.
Darauf zu sehen: CEZ-Mitarbeiter im Nahkampf und mit kugelsicheren Westen am Schießstand.
Andere hangeln sich an einem
Seil über einen Fluss oder simulieren Festnahmen. Die Gefangenen sind gefesselt
und bis auf die Unterhose entkleidet, ihre Köpfe stecken in schwarzen Säcken. Der
auch nach Deutschland strebende Stromanbieter bildet seine Mitarbeiter mitnichten
für den Antiterrorkampf am Hindukusch aus. Die Männer gehören zur Abteilung „Nichttechnische
Verluste“ (NTZ) und sollen säumigen Kunden und Stromdieben in Tschechien nachstellen.
Das Video legt den Verdacht nahe, dass die Abteilung dabei nicht nur unorthodoxe
Mittel wählt, sondern im Kundenumgang gelegentlich den Bereich des Erlaubten verlässt.
Besonders brisant: Während einer Razzia kurz nach Gründung der NTZ im Jahr 2005
nahm sich ein Mann das Leben. CEZ-Mitarbeiter hatten Schulden eintreiben wollen –
und fanden ihn im Keller seines Hauses in einer Blutlache, berichtet Radio Prag.
Die rauen Ausbildungsmethoden haben sich für CEZ bereits zu einem mittelgroßen
Störfall ausgewachsen. Mit der Folge, dass der Unternehmenschef Martin Roman vor
die
Medien treten musste, um das Vorgehen von CEZ zu verteidigen: „Strom wird hierzulande
im großen Stil geklaut“, zitiert Radio Prag seine Rechtfertigungsrede. Die Stromdiebe
seien in bewaffneten Gangs organisiert und äußerst gewaltbereit. Im Interesse aller
ehrlichen Kunden werde das Unternehmen die Jagd auf Stromdiebe fortsetzen, so Roman.
Auch auf ministerialer Ebene ist der Skandal mittlerweile angekommen. Doch gab es
hier Unterstützung für den Energieversorger: „Wir sind nicht in der Ukraine,
wo sich einfach jeder an das Stromnetz anschließt, ohne dafür zu zahlen. Das können
wir nicht zulassen“, sagte Innenminister Martin Pecina. Allerdings räumte er ein,
dass das Vorgehen der NTZ von der Polizei untersucht würde. CEZ bemüht sich inzwischen,
seine sanfte Seite hervorzukehren: Das Videomaterial sei alt, das Nahkampftraining
mittlerweile abgeschafft, die Mitarbeiter hätten ihre schwarzen Uniformen wieder
abgelegt, sagte Roman. Wenn das stimmt, gehen sie jetzt wieder in der grauen CEZ-Kluft
auf Kundenfang.
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