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Viel Grips, wenig Tamtam
Warum deutsche Firmen Nachwuchssorgen plagen | Beilage

Dompteure und Hebammen
Die FTD sucht den besten Hochschulmanager | Seite 26
R E DA K T I O N S S C H LU S S D I E S E R AU S GA B E 2 1 : 3 0 U H R

KO L U M N E : E I N D U R C H M A R S C H S A R KO Z Y S I N D E R E U Z E I C H
N E T S I C H A B , S C H R E I B T W O L F G A N G M Ü N C H A U

Brüssel lobpreist die Türkei
Harsche Kritik aber an Reformstau und Folter
VON FIDELIUS SCHMID, BRÜSSEL

Gaga-Dax empört Finanzwelt
VW-Aktie schießt über 1000 Euro · Autokonzern teuerstes Unternehmen · Aktienindex
komplett verzerrt

Dax (Xetra) +11,28 %

Dow Jones


Euro in $





Euro Stoxx 50

3,87 % Nasdaq


9,53 % Nikkei



10J Bund


10J US-T


Brent Oil*



FTD-Grafik; Reuters/Tobias Schwarz; AP/Daniel Roland/FTD-Montage

ie EU-Kommission schlägt ungewohnt freundliche Töne gegenüber der Türkei an.
„Die strategische Wichtigkeit der Türkei für die EU ist weiter gewachsen“,
heißt es in einem noch vertraulichen Dokument der EUKommission. Das Land habe seine
„Rolle als positiver Faktor für regionale Stabilität gesteigert“. Das zeige
sich in „Schlüsselbereichen wie Energiesicherheit, Konfliktprävention und -lösung
und regionaler Sicherheit im Nahen Osten und im südlichen Kaukasus“, schreibt
Brüssel in einem Strategiepapier zur EU-Erweiterung, das kommende Woche gemeinsam
mit dem Fortschrittsbericht über die Türkei veröffentlicht wird. Beide Papiere
liegen der FTD vor.






*$/Barrel

Schlusskurse oder Stand: 21.10 Uhr MEZ; Veränderungen zum Vortag

WIRTSCHAFT

POLITIK

Gewinn der Lufthansa im freien Fall
Die Wirtschaftsflaute ist bei der Lufthansa angekommen. Der Gewinn der Fluglinie
ist im dritten Quartal um 47 Prozent auf 279 Mio. € abgesackt. Seite 3

Vermittler in Krisengebieten
Bislang hat die EU in ihren Analysen zur Türkei hauptsächlich die internen Defizite
des Staates angeprangert. Die bisweilen heftige Kritik verärgerte Ankara einerseits,
andererseits nährte sie in der EU die Skepsis gegenüber dem Beitritt der Türkei.
Das Lob aus Brüssel soll nun in der Türkei für bessere Stimmung sorgen und ein
Kernargument für deren EUBeitritt herausstellen: die strategische Bedeutung. Konkret
lobt EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn Ankara für die Außenpolitik: Kurz nach
dem Georgienkrieg diesen Sommer hat die Türkei eine Kaukasus-Stabilitätsplattform
ins Leben gerufen. Zudem fungiert sie als Vermittler zwischen Israel und Syrien.
Weiter hat Präsident Abdullah Gül ein Fußballspiel in Armenien besucht – was
als erstes Zeichen der Entspannung zwischen den verfeindeten Nachbarn gilt. Eher
verhalten lobt die Brüsseler Behörde Fortschritte bei der Meinungs- und der Religionsfreiheit.
Strafverfahren wegen „Beleidigung des Türkentums“ seien zurückgegangen. Das
neue Stiftungsrecht erlaube auch nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften Eigentum.

SAP gibt Prognose für Gesamtjahr auf
Nach dem plötzlichen Auftragseinbruch im September lehnt der deutsche Softwarekonzern
für den Rest des Jahres Wachstumsprognose ab. Seite 4

Regierung setzt Anreize für Investitionen
Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und Finanzminister Peer Steinbrück
(SPD) haben sich auf erste Details für ein Konjunkturpaket geeinigt. Seite 9

Nur noch irre: Der Dax sagt derzeit praktisch nichts mehr über die Aktienkurse der
großen deutschen Konzerne aus. Schuld sind die Kapriolen der VW-Aktie
VON ELISABETH ATZLER, CHRISTIAN KIRCHNER, FRANKFURT, HERBERT FROMME, KÖLN, UND RICHARD
MILNE, LONDON

Gewalt und Ehrenmorde
Dem entgegen steht allerdings harsche Kritik. Zwar gebe es „kleine Fortschritte
bei Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und in der wirtschaftlichen Entwicklung des
Südostens“. „Trotzdem ist ein konsistentes und umfassendes Reformprogramm nötig,
besonders eine Verfassungsreform“, schreibt Brüssel. „Signifikante weitere Anstrengungen
sind in den meisten Bereichen nötig.“ Weiter muss die Behörde in ihrem Fortschrittsbericht
bekannte Mängel kritisieren: Ankara soll demnach stärker gegen häusliche Gewalt
und Ehrenmorde vorgehen. Beides „bleibet ein ernstes Problem“. Weiter seien „Berichte
über Folter und Misshandlungen“ ein „Grund zur Sorge“. Im Zuge der spektakulären
Ermittlungen gegen das mutmaßliche Verschwörernetzwerk „Ergenekon“ hätten
Informationen über Unregelmäßigkeiten wie unzulängliche Beachtung des Rechtes
auf Verteidigung und „exzessive Dauer von Inhaftierungen ohne Anklage“ zutage
gefördert.
BALKAN UNTER FEUER Seite 12 LEITARTI KEL Seite 25

ie völlige Verzerrung des Aktienindex Dax durch die Kapriolen der VW-Aktie hat bei
Anlegern und Händlern Entrüstung ausgelöst. „Man muss etwas machen, weil sonst
auch die Seriosität von Instrumenten wie den Dax-Derivaten in Gefahr ist“, sagte
Ascan Iredi, Abteilungsleiter Aktien der Postbank. „Ich koche“, sagte der Fondsmanager
einer großen britischen Gesellschaft. „Das ermutigt nicht, weiter in Deutschland
zu investieren.“ Die VW-Aktie sprengte gestern alle Maßstäbe. Das Papier des
Autoherstellers schnellte zwischenzeitlich auf 1005 €, ein Plus von rund 100 Prozent.
Volkswagen war mit einem Börsenwert von 296 Mrd. € zwischenzeitlich das teuerste
Unternehmen der Welt – vor dem Ölkonzern Exxon Mobil. Grund für den extremen
Kurssprung sind Panikreaktionen von Spekulanten, die mit sogenannten Leerverkäufen
auf eine fallende VW-Aktie gewettet hatten. Der deutsche Leitindex ist wegen der
Kurskapriolen des VW-Pa-


piers derzeit nicht mehr aussagekräftig. Bereits am Montag war das Papier um fast
150 Prozent in die Höhe geschossen und hatte den Dax stark verzerrt. Auch gestern
schloss der Index in erster Linie wegen der VW-Aktie mit einem Plus von 11,3 Prozent.
Das Papier macht 17 Prozent des Index aus. „Was sich derzeit um die VWAktie abspielt,
ist ungeheuerlich“, sagte Jörg Schneider, Finanzchef des Rückversicherers Münchener
Rück, der FTD. „Solch ein absurdes Auf und Ab, verursacht durch wen auch immer,
ist Gift für die Kapitalmärkte.“ Die größte deutsche Fondsgesellschaft DWS
forderte die Deutsche Börse auf,

Verzockt?
Verdacht Gerüchte, dass sich die Banken Morgan Stanley, Goldman Sachs und Société
Générale massiv mit VW-Aktien verspekuliert haben, ließen die Papiere der Institute
gestern abstürzen. Dementi Morgan Stanley dementierte dies, Goldman und SocGen äußerten
sich nicht.

rasch zu reagieren und die Zusammensetzung des Leitindex anzupassen. So etwas lasse
das Vertrauen der Privatanleger in die Aktie schwinden, kritisierte Christoph Berger
von Cominvest. Die Deutsche Börse lehnt bislang eine Anpassung ihrer DaxRichtlinien
ab. „Eine Änderung ist im Indexleitfaden nicht vorgesehen“, sagte ein Sprecher.
Die Börse beobachte lediglich die weitere Entwicklung. Auch die Finanzaufsicht BaFin
sieht derzeit keinen Grund, tätig zu werden. Der US-Indexanbieter Morgan Stanley
Capital International (MSCI) dagegen änderte seine Regeln. Spätestens Ende November
zieht MSCI bei der Berechnung seiner Indizes die von Porsche gehaltenen Cash-Optionen
auf VW-Papiere vom Streubesitz der Stammaktien ab. Damit wird die Aktie erheblich
geringer gewichtet. Ausgelöst hatte die Explosion des VW-Papiers die Mitteilung
von Porsche, über Aktien und Optionen bereits 74,1 Prozent an VW zu kontrollieren.
Da Niedersachsen weitere 20,1 Prozent hält, sind kaum noch VW-Aktien im Streubesitz
– nur 5,8 Prozent. Das Problem: Spekulanten, die sich für Leerver-

käufe Aktien ausgeliehen haben, müssen sich diese nun wiederbeschaffen und zurückgeben
– obwohl es kaum welche gibt. Bei solchen Geschäften verkaufen Trader geliehene
Aktien in der Hoffnung auf sinkende Kurse – um sie vor Rückgabe billig zurückzukaufen
und Gewinn zu machen. Laut der Beratungsfirma Data Explorers sind 12,9 Prozent der
VWAktien an Spekulanten ausgeliehen, mehr als bei jedem anderen deutschen Unternehmen.
Schätzungen zufolge haben Hedge-Fonds und Banken bis zu 30 Mrd. € Verlust gemacht,
weil ihre Kurswetten nicht aufgingen. Marktinsidern zufolge haben über 100 Hedge-Fonds
VW-Aktien leer verkauft. „Ich habe HedgeFonds-Manager am Telefon gehabt, die in
Tränen ausgebrochen sind“, sagte ein Analyst. Ein Porsche-Sprecher wies Vorwürfe
des DWS-Chefs Klaus Kaldemorgen zurück, der Autobauer habe die VW-Aktie manipuliert:
„Hier werden Ursache und Wirkung miteinander verwechselt.“
TOLLHAUS DAX Seite 16 AGENDA Seite 23 LEITARTI KEL Seite 25

Lehman-Kunden werden entschädigt
Privatkunden der deutschen Tochter der US-Investmentbank Lehman Brothers werden mit
bis zu 20 000 € aus den Sicherheitsfonds entschädigt. Seite 15

Steinmeier fordert Finanzspritzen für Pakistan
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) dringt auf rasche Hilfe des Internationalen
Währungsfonds für das von Unruhen erschütterte Pakistan. Seite 9

Island kämpft verzweifelt gegen Staatsbankrott
Die isländische Zentralbank hat auf Druck des IWF die Leitzinsen gleich um sechs
Prozentpunkte auf 18 Prozent angehoben. Damit will sie die Krone stützen. Seite
15

China soll IWF-Kapital aufstocken
Der britische Premier Gordon Brown hat China und die Golfstaaten aufgerufen, dem
Internationalen Währungsfonds mehr Kapital zur Verfügung zu stellen. Seite 9

BP erwartet unruhige Zeiten am Ölmarkt
Der größte nichtstaatliche Ölkonzern Europas stellt sich weiterhin auf Turbulenzen
am Ölmarkt ein. BP rechnet langfristig mit steigenden Preisen. Seite 8

Männern fehlt Mumm zur Vaterschaft
Fast alle jungen Männer haben Lust auf Familie und Kinder. Aber viele von ihnen
realisieren den Wunsch nicht wegen finanzieller und beruflicher Ängste. Seite 10

Die Angst wählt mit
Zwei amerikanische Neonazis wollen den schwarzen Kandidaten Barack Obama erschießen.
Weit kommen sie nicht – aber die Furcht bleibt
BENJAMIN DIERKS, WASHINGTON

er Plan klingt schaurig: Waffen wollen sie rauben, in eine Schule mit überwiegend
schwarzen Schülern eindringen und ein Blutbad anrichten. 88 Tote soll es geben.
Die 88 ist der internationale Neonazicode für „Heil Hitler“. 14 weitere Schwarze
wollen sie enthaupten. Wieder eine symbolische Zahl – sie steht für eine Parole
amerikanischer Rassisten über den Schutz ihres „Volkes“. Schließlich soll auch
Präsidentschaftskandidat Barack Obama dran glauben. Aus einem Auto heraus soll er
erschossen werden. Bevor es so weit ist, feuern Daniel Cowart und Paul Schlesselman,
zwei Neonazis aus Tennessee und Arkansas, aber erst einmal auf


die Fensterscheiben einer Kirche – und werden dabei verhaftet. Besonders weit gediehen
sei das Komplott der beiden 18 und 20 Jahre alten Männer noch nicht gewesen, heißt
es in Gerichtspapieren. „Wir können ehrlich nicht sagen, ob sie die Fähigkeit
oder die Mittel besessen hätten, die Art von Plan auszuführen“, sagt Geheimdienstsprecher
Malcolm Wiley. „Aber wir nehmen jede Bedrohung ernst.“ Der Fall ließe sich als
Fantasie rechtsradikaler Spinner abtun – wäre die Angst vor einem Attentat auf
Obama nicht so allgegenwärtig. Ob auf Empfängen in New York oder bei Auftritten
des demokratischen Kandidaten in Miami, hinter vorgehaltener Hand klingt sie immer
wieder durch. Obama wird seit Mai 2007 vom Geheimdienst bewacht. In der Regel geschieht
das erst, wenn ein Kandidat nominiert wurde. Als Ende August in Denver vor einem
Auftritt Obamas vier bewaffnete Männer festgenommen wurden und mit Attentatsplänen
prahlten, nahm die Angst Konturen an. Obamas frühere innerparteiliche Rivalin Hillary
Clinton löste einen Sturm der Entrüs-

tung aus, als sie im Mai dieses Jahres trotz der Führung Obamas ihr Verbleiben im
Vorwahlkampf nicht nur damit begründete, dass ihr Mann Bill die Kandidatur 1992
auch erst im Juni sicher gehabt habe. „Wir alle erinnern uns daran, dass Bobby
Kennedy im Juni in Kalifornien ermordet wurde“, fügte sie hinzu – und implizierte
damit, dass ein Angriff auf Obama ihre Kandidatur retten könnte. Sie stritt derlei
Spekulationen vehement ab. „Ich kenne eine Reihe afroamerikanischer Wähler, die
nicht für Obama gestimmt haben, weil sie Angst hatten, er könnte erschossen werden“,
sagt Geschichtsprofessor Michael Kazin von der Georgetown University. „Republikaner
würden widersprechen, aber die scharfe Negativkampagne von John McCain hat zusätzlich
viele Konservative davon überzeugt, dass Obama eine sehr gefährliche Person ist.“
Dass der republikanische Rivale Obamas eine größer angelegte Verschwörung provozieren
könne, glaube er nicht, sagt Kazin. „Aber wenn jemand geschickt ist und Obama
erschießen will, kann er das tun.“

BP
Aktienkurs in Pence 450 400 350
FTD/bg; Quelle: Bloomberg


Union begrüßt Pläne für längeres Kurzarbeitergeld
Der Vorstoß von SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz, Kurzarbeitszuschüsse künftig
bis zu 18 Monate zu zahlen, stößt auch in der Union auf breite Zustimmung. Seite
11


WAS SI E H EUTE WO FI N DEN
Fondsnotierungen .... 12, 21 Weltwirtschaft ................... 14 Portfolio ..............................
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Sport ....................................... 27

NAMEN- UND FIRMEN-INDEX SEITE 2

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